• Theresa Lutz und Jaqueline Erkert

    Frauen in der Motorradbranche: Interview mit Theresa Lutz und Jaqueline Erkert

Theresa Lutz

Zur Person

Name: Theresa Lutz
Alter:
31
Beruf:
Industriekauffrau
Berufserfahrung in der Motorradbranche:
8 Jahre
Berufliche Stationen:
Ausbildung Industriekauffrau, seit 2018 im Motorradhaus Prinz; Bekleidung, Zubehör, Ersatzteile, Organisation Events, Fahrzeugverkauf
Aktuelle Position:
Verkaufsleiterin, Stellvertreterin des Chefs

Jaqueline Erkert

Zur Person

Name: Jaqueline Erkert
Alter:
27
Beruf:
Zweiradmechatronikerin, Fachrichtung Motorradtechnik
Berufserfahrung in der Motorradbranche:
6 Jahre
Berufliche Stationen:
Ausbildung im Motorradhaus Prinz, seit 2023 festangestellte Mechatronikerin
Aktuelle Position:
Mechatronikerin

Flott vs chillig

Welche Motorräder fahrt ihr aktuell?
Theresa: Ich fahre eine Suzuki GSX-8S. Das Bike hat mich auf der Probefahrt sofort begeistert: Handling, Leistung und Spaßfaktor passen einfach perfekt zu mir.

Jaqueline: Und ich bin seit zwei Jahren auf einer Suzuki LS650 unterwegs, einem Chopper mit fettem Einzylindermotor. Ich habe mir die 33 Jahre alte Maschine komplett selber hergerichtet. Ich liebe diese Maschine: sie ist niedrig, hat eine coole Optik und verzichtet komplett auf Schnickschnack.

Was wären eure Traumbikes?
Theresa: Mich begeistert die Suzuki GSX-S1000 – und es könnte durchaus sein, dass ich mir demnächst eine zulege …

Jaqueline: Ich bin derzeit zufrieden mit meiner LS650.

Welche Biker-Typen seid ihr?
Theresa: Also, ich bin gerne flott unterwegs.

Jaqueline: Am ehesten passt, glaube ich, der Begriff „Tourenfahrerin“ auf mich, da ich es auf dem Bike gerne gechillt mag.

Betreibt ihr Motorradsport?
Theresa: Aktiven Motorsport betreibe ich nicht, bin aber ab und zu auf der Rennstrecke unterwegs.

Jaqueline: Motorradsport ist überhaupt nicht mein Ding. Ich lasse es, wie gesagt, lieber ruhig angehen.

Motorrad im Blut

Und was machst ihr, wenn ihr mal gerade nicht mit dem Motorrad unterwegs seid?
Theresa: Ich habe ein Pferd, mit dem ich gerne durch Wald und Wiesen reite.

Jaqueline: Ich bin viel auf Konzerten unterwegs, am liebsten mag ich Heavy Metal.

Wie seid ihr zum Motorradfahren gekommen?
Theresa: Mir wurde das praktisch in die Wiege gelegt. Mein Vater ist begeisterter Motorradfahrer, schon als Kind hat er mich auch auf längere Ausflüge mitgenommen. Ab 16 war ich mit dem Mokick unterwegs, mit 18 habe ich den Motorradführerschein gemacht.

Jaqueline: Bei mir sind beide Eltern Motorradfahrer, trotzdem hat es bei mir gedauert bis ich 20 war, dass ich selber den Schein gemacht habe.

Welches waren eure ersten Motorräder, und welche Bedeutung hatten sie für euch?
Theresa: Ich hatte zunächst eine BMW, die ich dann aber bald gegen eine Suzuki SV650 getauscht habe. Die SV war lange Zeit mein einziges Fortbewegungsmittel – auch im Alltag. Ich verbinde viele positive Erinnerungen mit der Maschine. Sie hat mich nie im Stich gelassen. Ich habe sie dann an eine Frau verkauft …

Jaqueline: Die selbst hergerichtete LS650 ist mein erstes Bike – und wird es wohl noch eine Weile bleiben. 

Wie entstand der Wunsch, aus der Motorradbegeisterung einen Beruf zu machen?
Theresa: Zunächst hatte ich einen ganz anderen Berufswunsch. Ich wollte zur Polizei, war aber leider sechs Millimeter zu klein. Daraufhin habe ich mich für eine Ausbildung zur Industriekauffrau entschieden und habe dann auch in diesem Beruf gearbeitet. Irgendwas hat aber gefehlt. Ich war damals schon länger beim Motorradhaus Prinz Kundin, als dort eine Stelle ausgeschrieben wurde. Also habe ich mich beworben – und es hat gepasst.

Jaqueline: Ich habe immer gerne meinem Papa beim Schrauben geholfen. Daraus ist dann der Wunsch entstanden, Mechatronikerin zu werden.

»Bike Woman of the Year« 2025

Theresa, du bist »Bike Woman of the Year« 2025. Wie kam es dazu?
Theresa: Im Jahr 2019 war ich mit meiner Chefin auf der Fachtagung des Branchenmagazins »Bike & Business«. Dort wurde der Award verliehen, was mich sehr beeindruckt hat. Damals war ich aber noch ganz frisch in der Branche. Als ich über die Jahre Erfahrungen gesammelt hatte, habe ich mich 2025 beworben. Ein Freund der Chefin hat geholfen, ein professionelles Werbevideo zu produzieren, das die Jury dann überzeugt hat. 

Was bedeutet dir diese Auszeichnung?Theresa: Sehr viel, ich bin wirklich stolz darauf. Der Titel ist eine wichtige Anerkennung für das, was ich als Frau in der Branche erreicht habe. 

Würdest du anderen Frauen in der Branche empfehlen, sich um diese Auszeichnung zu bewerben?
Theresa: Ja, auf jeden Fall. Und ich würde mich freuen, wenn Jaqueline eines Tages ebenfalls diesen Titel gewinnen würde.

Jaqueline, hat es dich motiviert, dass mit Theresa bereits eine Frau im Motorradhaus Prinz arbeitete?
Jaqueline: Nein, das hat keine Rolle gespielt. Ich hätte mich auch sonst um den Ausbildungsplatz beworben. Ich finde es aber sehr schön, hier eine Kollegin zu haben. 

Habt ihr das Gefühl, dass sich Frauen mit dem Thema „Motorrad“ anders beschäftigen als Männer?
Theresa: Nicht zuletzt durch den Award habe ich sehr viel Austausch mit Frauen aus der Community. Ich denke schon, dass das Thema anders gelebt wird. Es geht weniger um Technik, und auch das Konkurrenzdenken ist nicht so ausgeprägt.

Jaqueline: Das sehe ich ähnlich. Ich kenne viele motorradfahrende Männer, die mir gegenüber alle sehr entspannt sind. Wenn die aber erfahren, dass ich Mechatronikerin bin, wollen sie gleich über Technik reden. Ich betrachte das als eine Form der Anerkennung.

„Es tut sich was.“

Was haltet ihr von Motorradveranstaltungen speziell für Frauen?
Theresa: Ich denke, bei Fahrtrainings macht das Sinn. In gemischten Gruppen trauen sich Frauen meiner Erfahrung nach weniger zu – wegen des bereits erwähnten Konkurrenzgehabes. 

Welche Erfahrungen habt ihr als Frau in einer noch immer stark männlich geprägten Branche gemacht?
Theresa: Zunächst war ich selber etwas skeptisch. Ich stellte mir vor, was passieren würde, wenn ich als junge Frau einem Biker mit jahrzehntelanger Motorraderfahrung eine neue Maschine verkaufen sollte. 

Und, was ist passiert?
Theresa: Nichts. Die Männer haben mich von Anfang an so akzeptiert, wie ich bin. Ich habe ganz überwiegend gute Erfahrungen gemacht.

Jaqueline: Ich habe ebenfalls keine negativen Erfahrungen gemacht. Höchstens kommt es mal vor, dass mir ein Kunde beim Motorradrangieren helfen will. Das ist aber eher nett gemeint.

Hat sich die Wahrnehmung von Frauen in der Motorradwelt eurer Erfahrung nach in den letzten Jahren verändert
Theresa: Es tut sich was. In den Werkstätten sieht man mehr Mechanikerinnen. Und wir sind sehr stolz darauf, dass wir Jaqueline im Team haben.

Welcher Erfolg oder Moment in eurer bisherigen Laufbahn ist euch besonders in Erinnerung geblieben
Jaqueline: Dass ich mein Motorrad selbst hergerichtet habe. Da ging es wirklich ans Eingemachte, sogar die Getriebeausgangswelle musste ich tauschen.

Theresa: Ganz klar die Auszeichnung als »Bike Woman of the Year«. Die Urkunde hängt an meinem Arbeitsplatz, und Kunden sprechen mich darauf an. Sogar einen Bericht in der Zeitung hat es gegeben. Ich denke, der Titel bringt unserem Geschäft Reputation und kann zudem andere Frauen motivieren, sich in der Motorradbranche zu engagieren.

Erfahrung sammeln und weiterentwickeln

Was bedeutet Motorradfahren für euch?Theresa: Spaß haben, Adrenalin spüren, den Kopf freibekommen. Ich freue mich jedes Mal, wenn ich auf meinem Bike sitze.

Jaqueline: Durchatmen und entspannen. Auch das Fahren in der Gruppe ist ein bereicherndes Erlebnis.

Welche Werte motivieren euch – beruflich und privat?
Theresa: Ich mag kein Larifari. Wenn man sich für eine Sache entschieden hat, sollte man sie mit Biss durchziehen. Außerdem sollte man das, was man macht, mit Spaß tun.

Jaqueline: Ich finde es wichtig, klare Ziele zu haben. Und diese Ziele sollte man auch trotz Schwierigkeiten versuchen zu erreichen.

Habt ihr ein Vorbild in der Branche oder außerhalb, das euch inspiriert?
Theresa: Ich habe kein Vorbild, ich motiviere mich selbst.

Jaqueline: So geht es mir auch.

Welche Karriereziele habt ihr?
Theresa: Ich bin in meiner jetzigen Position sehr glücklich und möchte mich darin weiterentwickeln.

Jaqueline: Ich möchte Erfahrungen sammeln, mich weiterbilden und mich mit technischen Neuerungen beschäftigen. 

Welche Entwicklungen in der Branche beschäftigen euch gerade besonders?
Jaqueline: An aktuellen Motorrädern ist sehr viel Elektronik verbaut. Das verschiebt natürlich auch den Fokus bei der täglichen Arbeit in der Werkstatt.

Theresa: Wir merken, dass durch die modernen Assistenzsysteme mehr Beratungsbedarf besteht als früher. Und auch eine Motorradübergabe dauert heute viel länger, weil es einfach mehr zu erklären gibt. Fundierte Beratung ist vor diesem Hintergrund jedoch enorm wichtig. Gerade rund um die Assistenzsysteme kursieren im Internet unglaublich viele Falschinformationen. Da müssen wir gegensteuern.

Botschaft an Frauen

Habt ihr eine Botschaft an Frauen, die sich für einen Job in der Motorradbranche interessieren?
Jaqueline: Wenn das dein Traum ist, ziehe es durch. Lass dich nicht von Vorurteilen abhalten.

Theresa: Trau dich, deinen eigenen Weg zu gehen. Lass dir nicht einreden, dass das eine Männerbranche ist. Du wirst dort deinen Platz finden.