Mit der SV650 wirbelte Suzuki anno 1999 die Mittelklasse kräftig durcheinander. Ihr agiler V-Twin, der edle Gitterrohrrahmen und das präzise Handling setzten Maßstäbe. Doch dass dieses in seinem Segment einzigartige Konzept den Grundstein für eine 25-jährige Erfolgsgeschichte legen würde, die sich bis in den Motorsport erstreckte, hätte man selbst bei Suzuki nicht erwartet. Blicken wir zurück.

Während die meisten Motorräder eher als praktisch, zuverlässig und halbwegs wertbeständig galten, fehlte es der Motorradmittelklasse Ende der 1990er-Jahre zunehmend an Emotion und Begeisterung. Das Segment wirkte solide, aber auch bieder – und genau das stellte ein Problem dar, wenn es darum ging, neue Zielgruppen für das Motorradfahren zu gewinnen. Bei Suzuki wollte man sich mit diesem Status quo nicht zufriedengeben und entwickelte die SV650. Sie brachte alle Tugenden mit, die Käufer in diesem Segment erwarteten: Sie war einfach zu fahren, universell einsetzbar und besaß die sprichwörtliche Suzuki Qualität. Doch die SV650 setzte noch einen drauf. Mit ihrem charakterstarken V-Twin und dem selbstbewusst zur Schau gestellten Gitterrohrrahmen bot sie begeisternde Technik-Features, die sie in ihrem Segment einzigartig machten.
Mit ihrem agilen und gleichzeitig spurstabilen Fahrwerk, vor allem aber mit dem Beat ihres V2, avancierte die SV650 sofort zum Liebling der Motorrad-Szene. „Eine Klasse für sich“ überschrieb MOTORRAD den ersten Fahrbericht zur SV650 im Januar 1999 und umriss das Erfolgsrezept der neuen Maschine folgendermaßen: „Ein Alu-Rahmen ähnlich dem der großen Schwester TL 1000 S, Alu-Schwinge mit Zentralfederbein und Umlenkung, ein konstruktiv klug und aufwendig gemachter – natürlich wassergekühlter – Zweizylinder-Vau-Motor, Edelstahlauspuff und Doppelscheibenbremse im Vorderrad. Motorradfahrerherz, was willst du mehr?“

Das Konzept der SV sprach jedoch nicht nur Technikfans an, die Entwickler hatten auch den Alltagseinsatz konsequent mitgedacht. Dafür bot die quirlige 650er eine zwar sportliche, aber dennoch ausreichend komfortable Sitzposition, eine solide gepolsterte Bank, genügend Raum für einen Sozius und eine große Auswahl an Originalzubehör. Mit dem breit aufgestellten Programm an Suzuki Originalteilen ließ sich das ganze Potenzial der Maschine ausschöpfen – ganz egal, ob es einmal quer durch den Kontinent gehen sollte oder ihr Besitzer eher sportliche Ambitionen hegte.

Apropos Sport: Die SV650 war auch eine gern genutzte Basis im seriennahen Rennsport. Es gab zu dieser Zeit einen eigenen Suzuki SV650 Cup im Rahmen der Internationalen Deutschen Motorrad Meisterschaft (IDM). Vor allem Nachwuchspiloten und Rennsporteinsteiger wussten den kraftvollen, aber immer gut kontrollierbaren V-Twin zu schätzen.
2003 präsentierte Suzuki die zweite Generation der SV650. Das stark überarbeitete Motorrad verfügte über einen komplett neuen Aluminiumgussrahmen, eine neue Schwinge und einen neuen Auspuff. Außerdem wurde die Gemischaufbereitung von Vergasern auf eine moderne Einspritzanlage umgestellt. Im Zuge dieses Upgrades stieg auch die Spitzenleistung auf etwas über 73 PS, während das maximale Drehmoment auf 64 Newtonmeter wuchs.
Die Szene hielt der SV650 auch in ihrer überarbeiteten Version die Treue, das neue Modell erfreute sich großer Beliebtheit bei Bikern unterschiedlichster Couleur. Während die Ur-SV650 in ihrer verkleideten »S«-Version unter Eingeweihten liebevoll als „Knubbel“ bezeichnet wurde, firmierte die 2003er SV650S aufgrund der markanten Zeichnung ihrer Verkleidung unter der Szenebezeichnung „Kante“.

Verschärfte Abgasnormen erforderten im Jahr 2007 eine erneute Optimierung des V-Twin. Das Aggregat erhielt neue Zylinderköpfe – jetzt mit Doppelzündung. Dies sollte das letzte Update sein, bevor die unverkleidete SV650 von der SFV650 Gladius abgelöst wurde, die 2009 auf den Markt kam.
Vorgestellt auf Fuerteventura, erhielt die SFV650 spontan großes Lob von der Fachpresse. „Die Gladius wirkt vom Tank über die Seitenverkleidungen, den Auspuff bis hin zum Rücklicht mit rundlichen, geschwungenen, fast schon verspielten Formen erfrischend jugendlich und modern“, schrieb Norbert Kappes in MOTORRAD. Doch nicht nur die Optik hatte es dem erfahrenen Tester angetan. „Angenehm lässig liegt der gekröpfte Rohrlenker in den Händen, bequem fällt die Sitzposition aus, der moderate Kniewinkel ist nahezu perfekt. […] Geänderte Schwungmassen an der Kurbelwelle, leichtere Ventile und Federn, überarbeitete Nockenwellenprofile sowie eine neue Einspritzanlage mit Doppeldrosselklappen liefern noch mehr Drehmoment und Leistung im unteren und mittleren Drehzahlbereich als zuvor. Trotzdem hat der V-Twin nichts von seiner Spritzigkeit verloren, dreht sogar locker bis in den roten Bereich.“

Freunde stilvoller Motorradästhetik erfreute an der Gladius besonders, dass die Maschine statt des Gussrahmens jetzt wieder ein Rückgrat aus aufwendig verschweißten Stahlrohren besaß, das den V-Twin als mittragendes Element integrierte – ganz wie bei der legendären Ur-SV650 von 1999.
Und auch das Thema Motorsport war für die Gladius wieder topaktuell. Der überarbeitete Motor erhielt Zylinder mit der innovativen »Suzuki Composite-Electrochemical-Material«-Beschichtung aus Nickel-Siliziumkarbid, die den Twin noch standfester bei hoher Dauerbeanspruchung machte.
Für den markenoffenen Twin Cup im Rahmen der IDM bot die SFV650 beste Voraussetzungen. Mit ihren einfach abzurufenden 78 PS und dem Cup-konformen Technikpaket, das Fahrwerkskomponenten, Fußrastenanlage, Lenker und eine Verkleidung mit geschlossenem Bugspoiler umfasste, wurde die Gladius zu einem konkurrenzfähigen Renner.

Wir schrieben das Jahr 2016, als endlich die unverkleidete SV in die Produktpalette zurückkehrte. Sie bot alles, was das Modell von 1999 so beliebt gemacht hatte, doch sie konnte alles besser. Sie war leistungsstärker und leichter als die SFV650 und hatte ein klares, klassisches Styling, das ein breites Spektrum von Fahrern ansprach. Bei ihrer Pressepräsentation in Spanien wurde sie für ihr Handling gelobt: „Wie es scheint, wirkt sich bei unveränderten Komponenten das gesunkene Gewicht positiv auf das Fahrverhalten aus. Nein, das ist keine GSX-R, die Federelemente sind, wie in der Klasse üblich, von einfacher Bauart. Lediglich die hintere Vorspannung ist 7-fach einstellbar. Für ein Mittelklasse-Bike und unter den gegebenen Bedingungen fährt die SV stressfrei, unkompliziert und spielerisch“, fasste es MOTORRAD im Fahrbericht zusammen.
Zwei Jahre später stellte Suzuki ihr das Modell SV650X zur Seite. Inspiriert vom bis heute anhaltenden Café-Racer-Trend hatte diese eine knackig-knappe Halbschalenverkleidung im Sixties-Look, Stummellenker, Steppsitzbank und eine Retro-Lackierung. Ein Jahr später erhielt die SV650 im Zuge der kontinuierlichen Modellpflege eine optimierte Vorderbremse mit Vierkolben-Bremszangen von Tokico.
Im Jahr 2024 blickte die SV650 auf ein Vierteljahrhundert Marktpräsenz zurück. Als Suzuki 1999 das mutige Konzept eines V-Twins mit Gitterrohrrahmen in der Mittelklasse vorstellte, hätte wohl kaum jemand vermutet, dass eine ganze Generation Motorradfahrer Spaß an diesem Bike haben würde – im Alltag, auf Tour und nicht zuletzt auf der Rennstrecke.
